Wissen Sie, was es heißt, jemand zu lieben? Wissen Sie, was es bedeutet, einen Baum zu lieben oder einen Vogel oder ein Haustier, so dass Sie sich darum kümmern, es füttern, es lieb haben, obwohl es Ihnen vielleicht nichts zurück gibt, obwohl es Ihnen keinen Schatten bietet, Ihnen nicht folgt oder nicht von Ihnen abhängig wird? Die meisten von uns lieben nicht auf diese Weise; wir wissen überhaupt nicht, was das bedeutet, weil unsere Liebe immer mit Angst, Eifersucht und Furcht umgeben wird – was bedeutet, dass wir innerlich voneinander abhängen, dass wir geliebt werden wollen.

Wir lieben nicht einfach und lassen es dabei, sondern verlangen etwas zurück; und genau dadurch, durch diesen Anspruch, werden wir abhängig. Zu lieben heißt, nichts dafür zu verlangen, ja nicht einmal zu spüren, dass Sie etwas geben – und nur solche Liebe kann Freiheit kennen. Überlegen wir was Liebe ist. Ich weiß wirklich nicht, was sie ist.
Man kann sie beschreiben, man kann sie in wunderbarer Poesie ausdrücken, indem man sehr schöne Worte verwendet, aber Worte sind keine Liebe. Gefühl ist nicht Liebe. Sie hat nichts mit Emotionen, mit Patriotismus oder mit Ideen zu tun. Das weiß man sehr gut, wenn wir uns damit beschäftigt haben. Wir können also die Wortbeschreibungen ganz weglassen, die Bilder beiseite schieben, die wir um dieses Wort herum aufgebaut haben: Patriotismus, Gott und Arbeit. Wir kennen diesen ganzen Unsinn! Wir wissen auch, falls wir sehr genau beobachten, dass Vergnügen nicht gleich Liebe ist. Können Sie diese Pille schlucken? Für die meisten von uns ist Liebe sexuelles Vergnügen. Den meisten unter uns im Westen ist dieses Gefühl von sexuellem, körperlichem Vergnügen sehr wichtig. Und wenn es nicht erfüllt werden kann, gibt es Qual, Gewalt, Brutalität, riesige emotionale Szenen. Ist das alles Liebe? Das Vergnügen des sexuellen Aktes und die Erinnerung daran – dieses Wiederkäuen und der Wunsch, es wieder zu bekommen, die Wiederholung, die Jagd nach dem Vergnügen, das nennt man Liebe. Wir haben dieses Wort so vulgär, so bedeutungslos gemacht. „Geht hin und tötet für die Liebe zu eurem Land!“ „Tretet irgendeiner Sekte bei, weil sie Gott lieben!“ Wir haben aus dem Wort etwas Schreckliches gemacht – eine hässliche, vulgäre, brutale Angelegenheit. Das Leben ist soviel größer, weiter, tiefer als bloßes Vergnügen, aber diese Zivilisation, diese Kultur hat aus dem Vergnügen die beherrschende, mächtigste Sache des Lebens gemacht. Was ist also Liebe? Untersuchen wir das hier zusammen? Bitte, tun Sie es, es ist Ihr Leben. Verschwenden Sie Ihr Leben nicht. Sie haben ein paar Jahre, verschwenden Sie sie nicht. Also welchen Platz nimmt die Liebe in der Beziehung ein? Was ist Beziehung, was heißt das, eine Beziehung zu haben? Es heißt, angemessen, vollständig aufeinander zu reagieren. Die Bedeutung dieses Wortes Beziehung ist: verbunden [verwandt] zu sein; verbunden bedeutet in direktem Kontakt mit einem anderen Menschen zu stehen, beides sowohl in psychologischen als auch in direktem körperlichen Kontakt. Sind wir überhaupt miteinander verbunden? Ich mag verheiratet sein, Kinder, Sex und alles Übrige haben, bin ich aber überhaupt verbunden? Und womit bin ich verbunden? Ich bin mit dem Bild verbunden, das ich mir von Ihnen oder ihr mache. Und sie ist mit mir gemäß dem Bild verbunden, das sie von mir hat. Also stehen die beiden Bilder miteinander in Beziehung, und diese bildhafte, vorgestellte Beziehung nennt man Liebe! Sehen Sie doch, was für eine absurde Sache wir daraus gemacht haben. Das ist eine Tatsache. Das ist keine zynische Beschreibung. Dieses Bild habe ich mir von in vielen Jahren oder zehn Tagen oder in einer Woche aufgebaut – oder ein Tag reicht aus. Und sie hat dasselbe gemacht. Verstehen Sie, wie grausam, wie hässlich, wie brutal, wie verrucht diese Bilder sind, die einer vom anderen hat? Man nennt den Kontakt dieser zwei Bilder eine Beziehung. Deshalb tobt ein ewiger Kampf zwischen dem Mann und der Frau, wo der eine versucht, den anderen zu beherrschen. Wenn einer die Herrschaft erreicht hat, wird eine Kultur um diese Herrschaft herum aufgebaut – das matriarchalische oder das patriarchalische System. Ist das Liebe? Wenn das Liebe ist, dann ist Liebe bloß ein Wort ohne Bedeutung. Denn Liebe ist nicht Vergnügen, nicht Eifersucht, nicht Neid, nicht die Trennung von Mann und Frau, wo einer den anderen beherrscht, einer den anderen antreibt, besitzt, dem anderen verhaftet ist. Das ist ganz gewiss keine Liebe – es ist bloß bequem und eine Sache der Ausbeutung. Doch das akzeptieren wir als Norm im Leben. Wenn wir das betrachten, es wirklich ansehen, dessen ganz gewahr werden, dann werden wir darauf achten, dass wir niemals mehr ein Bild aufbauen – egal was sie macht oder was ich mache. Wir machen sich kein Bild mehr. Vielleicht entsteht aus diesem eine ganz ungewöhnliche Blume, die Blüte dessen, was man Liebe nennt; und es geschieht wirklich. Diese Liebe hat nichts mit „meiner“ oder „deiner“ Liebe zu tun. Es ist Liebe. Und dann werden wir eine ganz andere Art von Zivilisation hervorbringen, eine andere Kultur, andere Menschen, Männer und Frauen.

Es gibt keine Worte, das Leid zu erklären, genauso wenig wie es Worte gibt, um zu erklären, was Liebe ist. Liebe ist nicht Bindung, Liebe ist nicht das Gegenteil von Hass, Liebe ist nicht Eifersucht. Und wenn man aufhört, eifersüchtig, neidisch und verhaftet zu sein, wenn man alle Konflikte und Qualen, die man durchmacht, beendet hat und sich einbildet, dass man liebt – wenn das alles zu Ende ist, bleibt immer noch die Frage, was Liebe ist, und es bleibt immer noch die Frage, was das Leid ist. Wir können erst dann entdecken, was Liebe und was Leid ist, wenn der Kopf alle Erklärungen zurückweist und sich nichts mehr vorstellt, nicht mehr nach einer Ursache sucht, sich nicht mehr auf Worte einlässt oder in der Erinnerung zu seinen eigenen Vergnügen und Schmerzen zurückgeht. Der Verstand muss ganz still werden, wortlos, auf Symbole und Ideen verzichten. Dann kann man diesen Zustand entdecken, oder er wird sich von selber einstellen, in dem das, was wir Liebe, was wir Leiden nennen, was wir als Tod bezeichnen, ein- und dasselbe sind. Es gibt dann keine Trennung mehr zwischen Liebe, Leid und Tod; und weil es keine Trennung mehr gibt, stellt sich die Schönheit ein. Aber um das zu begreifen, um in diesem Zustand der Ekstase zu sein, ist jene Leidenschaft unerlässlich, die sich in der totalen Selbstvergessenheit einstellt.

Wir betrachten Leben als ein positiv ausgerichtetes tätig Sein – als Machen, Denken, unablässige Geschäftigkeit, Konflikte, Ängste, Sorgen, Schuldgefühle, Ehrgeiz, Konkurrenzkampf, die Gier nach Lust mit dem dazugehörigen Schmerz, das Verlangen nach Erfolg. Das alles heißt für uns, zu leben. Das ist unser Leben, mit seinen gelegentlichen Freuden, mit seinen Augenblicken des Mitgefühls ohne Motiv oder der Großzügigkeit ohne eingegangene Bindung. Auch gibt es seltene Momente der Ekstase, manchmal Augenblicke einer zeitlosen Seligkeit. Unser Alltag jedoch besteht aus unserer Arbeit, aus Ärger, Hass, Streit, Feindschaft, und dennoch halten wir unser Leben für eine außerordentlich positive Angelegenheit.

In Wirklichkeit aber ist allein die Negation des Positiven das wahrhaft Positive. Nein zu sagen zu dem, was wir da Leben nennen, das so hässlich, einsam, angst erfüllt, brutal, gewaltsam und beziehungslos ist, das wäre das Positivste. Verstehen wir einander noch? Die konventionelle Moral vollständig abzulehnen, bedeutet im höchsten Maße moralisch zu sein, weil das, was wir die gesellschaftliche Moral nennen, die Moral des so genannten Anstandes, ganz und gar unmoralisch ist, sind wir doch Konkurrenz süchtig, habgierig, neidisch, nur auf unser eigenes Fortkommen bedacht – Sie wissen selbst, wie wir uns aufführen. Und das nennen wir gesellschaftliche Moral! Religiöse Leute reden über eine andere Moral, nur dass ihr Leben, ihr gesamtes Verhalten, die hierarchische Struktur der religiösen Organisationen und Glaubensregeln auch unmoralisch ist. Das abzulehnen sollte keine Reaktion darauf sein, weil eine Reaktion nichts weiter wäre, als in Form des Widerspruchs bloß eine abweichende Meinung zu vertreten. Wenn Sie es jedoch ablehnen, weil Sie es begriffen haben, dann ist das der höchste Ausdruck wirklicher Moral.

Und genauso bedeutet die Verneinung der gesellschaftlichen Moral und die Ablehnung der Art und Weise, wie wir unser Leben führen, unser nettes, kleines Leben, unser kümmerliches Denken und Existieren, die oberflächliche Genugtuung durch Ansammlung von Gütern – das alles abzulehnen, nicht als Reaktion, sondern aus der Erkenntnis der äußersten Stupidität und des destruktiven Charakters dieser Lebensweise – das alles zu verneinen bedeutet zu leben. Das Verkehrte als Verkehrtes zu erkennen – dieses Schauen ist das Wahre.

Und was ist nun Liebe? Ist Liebe Lust? Ist Liebe Verlangen? Ist Liebe Anhänglichkeit, ist sie Abhängigkeit, ist sie das Besitzergreifen des Menschen, den du liebst und beherrschst? Ist es Liebe, die sagt: „Dies ist meins und nicht deins, mein Eigentum, mein sexuelles Recht“ – worin Eifersucht, Hass, Zorn und Gewalt mitschwingt? Und wo Liebe unter religiösem Einfluss in heilig und profan eingeteilt wird – entsteht da etwa wahre Liebe? Kann man lieben und zugleich ehrgeizig sein? Können Sie Ihren Mann lieben, kann er sagen, dass er Sie liebt, wenn er voller Ehrgeiz steckt? Kann es Liebe geben, wo Konkurrenzkampf und Erfolgszwang herrschen?

All das zu verneinen, nicht nur intellektuell oder verbal, es aus unserem Dasein zu tilgen, nie mehr Eifersucht, Neid, Konkurrenzkampf, Ehrgeiz erleben zu wollen – all das abzulehnen, das hieße endlich lieben zu können. Es kann nur das eine oder das andere geben. Der eifersüchtige Mann oder die dominante Frau, sie wissen beide nicht, was Liebe ist. Womöglich reden sie davon, vielleicht schlafen sie auch miteinander, besitzen einander, machen sich um der Bequemlichkeit, um der Absicherung willen oder aus Angst vor dem Alleinsein voneinander abhängig, aber all das ist ganz sicher keine Liebe. Was wir Liebe nennen, ist Folter, Verzweiflung und Schuldgefühl. Diese Art von Liebe wird üblicherweise mit sexueller Lust gleichgesetzt. Und wir sind nicht puritanisch oder prüde gesonnen, wir behaupten nicht, es dürfe kein Vergnügen geben. Wenn wir eine Wolke betrachten oder den Himmel oder ein schönes Antlitz, dann erfüllt uns Freude. Wenn wir eine Blume betrachten, dann erfüllt sie uns mit ihrer Schönheit – wir verneinen ja nicht die Schönheit. Schönheit ist kein lustvoller Einfall des Denkens, allerdings ist es das Denken, das uns die Schönheit als Lust erfahren lässt.
Ebenso verhält es sich, wenn wir lieben und Sex erleben: das Denken lässt uns das als Lust erfahren, als ein Bild dessen, was wir erlebt haben und morgen wieder erleben möchten. In dieser Wiederholung liegt Vergnügen, das etwas anderes ist als Schönheit. Schönheit, Zärtlichkeit und wahre Liebe schließen Sexualität nicht aus. Nur dass heutzutage, wo alles erlaubt ist, alle Welt auf einmal die Sexualität entdeckt zu haben scheint und ihr eine ungeheure Bedeutung beimisst. Wahrscheinlich ist das die einzige Ausflucht, die dem Menschen geblieben ist, die einzige Freiheit. Überall sonst wird er herumgestoßen, fertig gemacht, intellektuell und emotionell vergewaltigt, in jeder Beziehung ist er versklavt, kaputt, und die einzige Möglichkeit, sich frei zu fühlen, besteht im Erleben der Sexualität. Diese Freiheit vermittelt ihm eine gewisse Freude, die er zu wiederholen wünscht. Wenn wir all dies betrachten, wo ist da Liebe? Nur ein Geist und ein Herz, die von Liebe erfüllt sind, können die Bewegung des Lebens in seiner Gesamtheit erblicken. Und ein Mensch, der so liebt, ist moralisch, ist gut, was auch immer er tut, ja was tut, ist voller Schönheit.