Die Fesseln der Sexualität

Sex ist für die meisten Menschen zu einem außerordentlich großen Problem geworden. Da Menschen unkreativ, ängstlich, eingekapselt und isoliert sind, ist Sex das Einzige, durch das er die Erleichterung erfährt, der einzige Akt, in dem das Selbst vorübergehend abwesend ist. In diesem kurzen Zustand der Selbstverleugnung, wenn das Ich mit all seinen Schwierigkeiten, Verirrungen und Ängsten abwesend ist, kommt es zu großem Glück. In der Selbstvergessenheit liegt ein Gefühl von Stille, von Befreiung; und weil der Mensch in religiöser, ökonomischer und in jeder anderen Hinsicht unkreativ ist, wird Sex zu einem überragend wichtigen Problem. Im Alltag gleichen wir Schallplatten, indem wir Sätze wiederholen, die wir gelernt haben. Im Religiösen sind wir Roboter, die mechanisch den Priestern folgen. Im Wirtschaftlichen und Sozialen sind wir durch Umwelteinflüsse gebunden, abgewürgt. Gibt es für uns irgendeine Befreiung in diesem Dinge? Offensichtlich nicht, und wo es keine Befreiung gibt muss sich Frustration einstellen. Aus diesem Grund ist der sexuelle Akt für die meisten von uns zu so einem vitalen Problem geworden, weil es in ihm Befreiung gibt. Die Enthaltsamkeit sollte das sexuelle Verlangen für Immer beenden, weil die Idee ist, dass es dann zu einem Zustand kommen wird, dem alle Störungen verschwunden sind; deshalb wird danach gestrebt. Aber gerade das Streben nach diesem Zustand hindert uns daran, für das Begreifen des geistigen Prozesses frei zu sein. Solange der Geist bloß nach einem ewigen Zustand sucht, in dem er von allem ungestört ist, bleibt er verschlossen und kann daher niemals kreativ sein. Erst wenn der Geist frei ist von dem Verlangen, etwas zu werden, ein Ergebnis zu erreichen – und damit befreit von der Angst, so dass er völlig still sein kann. Erst dann besteht die Möglichkeit für diese Kreativität, die die Realität ist.

Als ich anfing, mich für ein so genanntes religiöses Leben zu interessieren, fasste ich den festen Entschluss, Sex gänzlich aus meinem Leben zu verbannen. Ich hielt mich strikt an das, was ich als wesentliche Voraussetzung für ein religiöses Leben betrachtete, und lebte streng enthaltsam wie ein Mönch. Jetzt erkenne ich, dass diese Art der puritanischen Konformität, die Unterdrückung und Gewalt beinhaltet, nutzlos ist.
Alle Religionen haben uns gesagt, wir müssten die Sexualität verleugnen, unterdrücken, weil sie Energie- Verschwendung sei und wir diese Energie bräuchten, um Gott zu finden. Aber diese Art der Enthaltsamkeit, der Unterdrückung und Anpassung an ein Muster ist eine brutale Vergewaltigung all unserer feineren Instinkte. Diese fanatische Selbstkasteiung ist eine größere Energieverschwendung als jegliche sexuelle Schwelgerei.

Warum haben wir Sex zum Problem gemacht? Es spielt wirklich keine Rolle, ob wir mit jemandem ins Bett gehen oder nicht. Tun wir es weiterhin oder hören einfach auf, aber machen wir kein Problem daraus. Das Problem entsteht allein aus dieser ständigen inneren Beschäftigung mit der Sexualität. Die wirklich interessante Frage lautet nicht, ob wir mit jemandem ins Bett gehen oder nicht, sondern warum unser Leben so fragmentiert ist. In der einen unruhigen Ecke befindet sich der Sex mit all den damit einhergehenden Fantasien, im nächsten Winkel herrscht ein anderes Chaos, in einem dritten existiert das Streben nach diesem oder jenem, und in jedem Bereich ist der Verstand unaufhörlich am Plappern. Energie wird auf so viele Arten verschwendet.

Wenn ein Bereich meines Lebens in Unordnung ist, ist mein ganzes Leben in Unordnung. Herrscht in meinem Leben Unordnung in Bezug auf Sex, dann ist auch der Rest meines Lebens in Unordnung. Ich sollte mich also nicht fragen, wie ich einen Bereich in Ordnung bringen kann, sondern warum ich mein Leben in so viele Teilbereiche aufgespaltet habe – Bruchstücke, die in sich ebenfalls in Unordnung sind und die alle im Widerspruch zueinander stehen. Was kann ich tun, wenn ich so viele Unzusammenhängende Teile sehe? Wie kann ich mit ihnen allen umgehen? Ich lebe mit diesen Bruchstücken, weil ich innerlich kein Ganzes bin. Wenn ich all das erforsche, ohne ein weiteres Fragment zu schaffen, wenn ich jedes einzelne bis zu seinem Ende verfolge, dann hat dieses Gewahrsein, dieses Schauen nichts Trennendes. Jedes Bruchstück steht für ein separates Vergnügen. Ich sollte mich fragen, ob ich mein ganzes Leben in einem kleinen, schlampigen Zimmer des Genusses verbringen will. Begeben wir uns in die Sklaverei jedes Vergnügens, jedes Fragments, und sagen: „Mein Gott, ich bin abhängig, ich bin ein Sklave all dieser kleinen Winkel und Ecken – besteht mein Leben nur daraus?“ Denken wir darüber nach und schauen, was geschieht.

Der Mensch, der aus Einsicht nicht mehr kämpfen kann, ist der wahre religiöse Mensch, und in diesem Zustand des Geistes mögen Sie dem begegnen, was Wahrheit oder Realität oder Glückseligkeit oder Gott oder Schönheit oder Liebe genannt wird. Es kann nicht eingeladen werden. Diese sehr einfache Tatsache muss verstanden werden. Es kann nicht eingeladen werden, man kann nicht danach suchen, weil der Verstand zu töricht, zu schwach ist, weil die Gefühle zu minderwertig sind, unsere Lebensart zu verwirrt ist, als dass dieses Gewaltige, dieses Unermessliche in unseres kleines Haus eingeladen werden könnte, in dem kleinen Lebenswinkel, der mit Füßen getreten und so schändlich behandelt worden ist. Wir können es nicht einladen. Um es einzuladen, müssen wir es kennen, und wir können es nicht kennen. Wenn jemand – es kommt nicht darauf an, wer es ist – sagt, „Ich kenne es“, kennt er es nicht. In dem Augenblick, da wir sagen, es gefunden zu haben, haben wir es nicht gefunden. Wenn wir sagen, es erfahren haben, haben wir es ganz und gar nicht erfahren. Man fragt sich nun, ob es möglich ist, auf dieses Eine zu treffen, ohne es einzuladen, ohne es zu erwarten, ohne es zu suchen, ohne danach zu forschen – es von ungefähr zu erleben wie einen erfrischenden Windhauch, der hereinströmt, wenn wir das Fenster offen lassen. Haben Sie sich je gefragt, warum die Menschen dieses Dinges ermangeln? Sie zeugen Kinder, sie haben Erotik und Zärtlichkeit, die Fähigkeit, an etwas gemeinsam in kameradschaftlicher, freundschaftlicher Verbundenheit teilzuhaben – warum aber haben sie das andere nicht erlangt? Haben Sie sich je überlegt, in aller Ruhe, gelegentlich eines Spazierganges durch eine schmutzige Straße oder in einem Bus sitzend oder bei einem Spaziergang in einem Wald voller Vögel, Bäume, und Tiere – sind Sie nie auf den Gedanken gekommen, warum der Mensch, der seit Millionen von Jahren lebt, dieses Eine nicht erlangt hat, diese ungewöhnliche, nie welkende Blume? Der, der den Himmel erobert und unter die Erde geht und in die Tiefe des Meeres, der ungewöhnliche Elektronengehirne erfindet – wie kommt es, dass Sie dieses Eine, auf das es allein ankommt, nicht erlangt haben? Ich weiß nicht, ob Sie jemals ernsthaft der Frage ins Auge geschaut haben, warum unsere Herzen leer sind. Was würden Sie antworten, wenn Sie diese Frage an sich richten – wie würde Ihre klare Antwort sein, ohne Zweideutigkeit, ohne Verschlagenheit? Sie würde der Kraft und der Eindringlichkeit entsprechen, mit der Sie diese Frage stellen. Aber wir sind weder intensiv, noch ist es drängend für uns, und darum besitzen wir keine Energie, die Leidenschaft ist – und so können wir die Wahrheit nicht finden ohne Leidenschaft – Leidenschaft, die voller Ungestüm ist, Leidenschaft, in der sich keine Wünsche verbergen. Leidenschaft kann Furcht erregend sein, denn wenn wir voller Leidenschaft sind, wissen wir nicht, wohin sie uns bringen wird. So ist Furcht vielleicht die Ursache, warum wir nicht die Kraft dieser Leidenschaft besitzen, die es uns ermöglicht herauszufinden, warum uns die Liebe dieser Art fehlt, warum diese Flamme nicht in unseren Herzen brennt. Wenn wir unseren Geist und Herz genau geprüft haben, werden wir wissen, warum wir es nicht haben. Wenn wir mit Leidenschaft dabei sind herauszufinden, warum wir es nicht besitzen, werden wir erfahren, dass sie da ist! Nur durch vollkommene Verneinung, die die höchste Form der Leidenschaft ist, erwächst die Liebe. Wie die Demut können wir auch die Liebe nicht heranzüchten. Demut stellt sich ein, wenn der Eigendünkel vollkommen aufhört, dann sind wir uns der Demut nicht mehr länger bewusst. Ein Mensch, der zu wissen glaubt, was Demut ist, ist ein eitler Mensch. Wenn wir mit Geist und Herz, mit Nerven und Augen, mit unseren ganzen Sein dabei sind, die Lebensart zu finden, die uns sehen lässt, was tatsächlich ist, und wenn wir darüber hinausgehen und ganz und gar das Leben verneinen, das wir jetzt führen, entsteht in dieser Verneinung des Hässlichen, des Brutalen das Andere. Und wir werden uns auch dessen nicht bewusst sein. Ein Mensch, der sich seiner inneren Stille bewusst ist, der weiß, dass er liebt, weiß weder was Liebe noch was Schweigen ist.

Wir haben Angst davor, alle Dinge loszulassen.
Wir haben Angst davor, das ganz und in der Tiefe, aus der Tiefe des Seins, loszulassen und mit dem Unbekannten zu verbleiben, das der Tod ist. Können wir, wo wir das Ergebnis des Bekannten sind, in das Unbekannte eintreten, das der Tod ist? Wenn wir das wollen, muss es geschehen, während wir leben, gewiss nicht im letzten Augenblick. Während des Lebens das Haus des Todes zu betreten ist nicht bloß eine morbide Idee, es ist die einzige Lösung.

Können wir das, was nicht messbar ist, das, was der Erfahrende nur in seltenen Augenblicken erhaschen kann, können wir das kennen, während wir ein reiches, erfülltes Leben leben – was immer das bedeutet oder während wir ein elendes, verarmtes Leben leben? Kann der Geist von Augenblick zu Augenblick jeder seiner Erfahrungen gegenüber sterben und niemals ansammeln. Was sind wir denn, Sie und ich, was sind wir denn, psychologisch gesehen? Sie mögen vielleicht ein dickeres Bankkonto haben, mögen cleverer sein oder was auch immer; aber, psychologisch gesehen, was sind wir? Ein Haufen Wörter, Erinnerungen, Erfahrungen – und das möchten wir Kindern weitergeben, in einem Buch niederschreiben oder in einem Bild malen, dieses „Ich“. Das Ich gewinnt extreme Wichtigkeit, das Ich im Gegensatz zur Gemeinschaft, das Ich, das unverwechselbar sein, sich verwirklichen, etwas Großes werden möchte – und was sonst noch alles. Wenn Sie dieses „Ich“ beobachten, dann werden Sie merken, dass es ein bloßes Bündel von Erinnerungen, von leeren Worten ist: Das ist es, woran wir uns klammern; das ist der wahre Grund der Trennung zwischen Ihnen und mir, zwischen denen da und uns. Wenn Sie dies begreifen – beobachten Sie es selbst, nicht durch jemand anderen vermittelt, betrachten Sie es ganz aus der Nähe, ohne alle Beurteilung, Bewertung, Verdrängung, nur um es anzuschauen –, dann werden Sie erkennen, dass Liebe nur möglich sein kann, wo Tod ist. Liebe ist nicht Erinnerung, Liebe ist nicht Lust. Man sagt, Liebe sei mit Sex verbunden – womit wir wieder bei der Trennung zwischen weltlicher und heiliger Liebe angekommen wären, mit Billigung der einen und Verdammung der anderen. Ganz bestimmt ist Liebe nichts von alledem. Man kann sie nicht finden, in ihrer ganzen Fülle, ohne der Vergangenheit zu sterben, all den Plagen, Konflikten und Leiden zu sterben. Dann ist Liebe da. Und dann können wir tun, was wir wollen.