Wie es dazu kam

Vor siebzehn Jahren, am 25. Juni 1991, erklärten sich die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien zu unabhängigen Staaten. Es war der Tag, an dem die Totenglocken für Jugoslawien läuteten. Dem Vielvölkerstaat der Südslawen und seiner nationalen Minderheiten war kein friedliches Ende beschieden.

Durch den Exodus der beiden Republiken wurden die Völker Jugoslawiens in den Strudel eines sozialdarwinistischen Überlebenskampfes gerissen, der sie in ihrer zivilisatorischen Entwicklung um Jahrzehnte zurückwarf.

Das Alpenland Slowenien, die treibende Kraft der Sezession, ist auf dem »Weg nach Europa« ziemlich flott unterwegs. Zurück ließ es verbrannte balkanische Erde. Die ersten kriegerischen Auseinandersetzungen im Zerfallprozess Jugoslawiens fanden am Fuße der Karawanken statt, dem Grenzgebirge zwischen Slowenien und Österreich, wohin sich die Jugoslawische Volksarmee (JNA) aufgemacht hatte, um ihren verfassungsmäßigen Auftrag zur Übernahme der Kontrolle des Grenzregimes zu erfüllen. Doch diese Armee war nur noch der Schatten ihrer selbst. Als Jugoslawiens Schicksalsstunde schlug, erwies sie sich konzeptionell unfähig, die Einheit des Landes zu verteidigen. Die Streitkräfte, früher als Jugoslawiens siebente Republik bezeichnet und zugleich eine Stätte serbischer Dominanz, wollten den Zerfall des Gesamtstaates verhindern, es fehlte ihnen aber an politischem Rückhalt und innerer Geschlossenheit. Vor allem war ihr Oberbefehlshaber, das achtköpfige Staatspräsidium, nicht fähig oder willens, die Sezession Sloweniens und Kroatiens zu verhindern. Der serbische Block – Serbien, Vojvodina, Kosovo (die Vertreter der Autonomien blieben auch nach der Reintegration Serbiens im Staatspräsidium) und Montenegro vermochte es nicht, den antiserbischen Block – Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Mazedonien – aufzubrechen. Auch Mazedonien und Bosnien, letzteres vertreten durch den Serben Borisav Jovic, hatten sich gegen präventive Militärmaßnahmen ausgesprochen, so gegen die Entwaffnung der Einheiten der Territorialverteidigung.\r\nIm Schatten der Karawanken erlitt die föderale Armee ein demütigendes Debakel. Sie, die im ruhmreichen Partisanenkrieg geboren wurde und auch in der Nachkriegsordnung eine allseits respektierte Größe darstellte, ging nicht nur ruhmlos unter, sie agierte zum Gaudium der Weltöffentlichkeit wie eine Wirtshaustruppe. Die strategische Falle, in die sie geriet, war ihr von der titoistischen Militärdoktrin gelegt worden. Ohne Nachschub und Verpflegung hatten sich die Panzerkolonnen in Bewegung gesetzt, da Titos Konzept doch vorsah, »dass sie draußen auf dem Feld von den territorialen Streitkräften (OT) aufgesucht, unterstützt, versorgt und verstärkt werden. Die Bundesarmee wurde von der slowenischen Territorialverteidigung zwar aufgesucht, doch sofort angegriffen«, schreibt Malte Olschewski (»Von den Karawanken bis zum Kosovo«).

Selbstmord des BdKJ

Der Titoismus hatte sich selbst überlistet. Nicht nur auf militärischem Gebiet. Entscheidend war die in der Selbstverwaltungs-Konzeption angelegte Priorität der Republiken gegenüber dem Gesamtstaat. Der Übergang zum parlamentarischen System bürgerlichen Typs erfolgte auf Republikebene, wobei Slowenien den Anfang machte.

Da sich die Republiken damit außerhalb des Geltungsbereiches der jugoslawischen Verfassung, die kein Mehrparteiensystem vorsah, stellten, entsprach es einer inneren Logik, dass sich die bürgerlich-nationalistischen Parteien durchsetzten. Die »Reformkommunisten«, die sich unter der Flagge der Nation sammelten, hatten sich, Serbien und Montenegro ausgenommen, selbst überflüssig gemacht. Die wichtigste Voraussetzung für diese Entwicklung war die Selbstauflösung des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens (BdKJ) im Januar 1990. Weil sich die Slowenen mit ihren Vorstellungen einer föderalisierten Partei, das heißt einer Auflösung der Partei in ihre nationalen Bestandteile, nicht durchzusetzen vermochten, verließen sie den Parteitag, der daraufhin unterbrochen und nie wieder fortgesetzt wurde.

Indem sie sich nicht durchsetzten, setzten sich die Slowenen durch. Deutlicher hätte die innere Fäulnis des Systems nicht zum Ausdruck kommen können. Die Kommunisten hatten keine Partei mehr, und Jugoslawien war zu einem Land ohne politische Struktur verkommen. Zu einem Land, das real nicht mehr wirklich existierte.

Der Zerfall

In Slowenien siegte am 8. April das rechtsbürgerliche Parteienbündnis DEMOS, als Ausgleich wurde der vom Kommunisten zum Sozialdemokraten gewendete Milan Kucan Präsident. In Kroatien siegte die rechtsnationalistische Kroatische Demokratische Gemeinschaft (HDZ) vor der postkommunistischen Partei der Demokratischen Reform unter Ivica Racan, inzwischen kroatischer Premierminister. In Bosnien-Herzegowina gestalteten sich die ersten bürgerlichen Wahlen zur Volksgruppen-Feststellung.

Die nationalistischen Parteien erhielten Stimmanteile analog zur Größe ihrer Volksgruppen. In Mazedonien setzte sich die VMRO (Innere Mazedonische Revolutionäre Organisation) durch, eine chauvinistische Partei, die ihre Wurzeln im Befreiungskampf gegen die Osmanen hat. In ihrer bewegten Geschichte verfolgte sie mal eine linke, mal eine profaschistische, mal eine großbulgarische Orientierung, mal eine großmazedonische (Vereinigung der auf drei Staaten aufgeteilten mazedonischen Gebiete).

Nach bürgerlich-demokratischen Spielregeln gewählt wurde auch in Serbien und Montenegro. Bevor dies geschah, vereinigte sich der Bund der Kommunisten Serbiens mit der Sozialistischen Allianz, die vor der Einführung des pluralistischen Systems die Rolle der Massenorganisation ausgeübt hatte, zur Sozialistischen Partei Serbiens. Sie hatte keine Konkurrenz zu fürchten und gewann 194 von 250 Parlamentssitzen. Milosevic wurde mit 65 Prozent der Stimmen zum Präsidenten gewählt. In Montenegro siegten die Kommunisten als Kommunisten, das heißt, unter ihrem originären Namen, ob sie das ihrem Wesen nach noch waren, bleibe dahingestellt. Jugoslawien war zum Spielball seiner Republiken geworden. Da sich die bürgerlich-demokratische Umgestaltung auf der Ebene der Republiken und nicht gesamtstaatlich vollzog, ergab sich eine verfassungsrechtlich paradoxe Situation. Die jugoslawische Verfassung war zur leeren Hülle verkommen, die Bundesebene war kein Ort der Staatlichkeit mehr, sondern nur noch Verhandlungsmasse. Die Republiken waren zu staatlichen Subjekten geworden, der jugoslawische Staat zum Objekt nationalistischer Ansprüche. In dieser Situation gab es nur zwei Lösungen: Aufhebung der Republikverfassungen oder Aufhebung der jugoslawischen Verfassung, Zentralisierung oder Auflösung. Eine gesamtstaatliche Lösung wäre auch im bürgerlichen Sinn denkbar gewesen. Der Schriftsteller Dobrica Cosic schlug 1990 vor, die Republikparlamente aufzulösen und freie Wahlen in ganz Jugoslawien durchzuführen. Danach sollte in den Teilrepubliken gewählt werden.

Gesamtjugoslawische Wahlen hätten die Parteilandschaft entnationalisiert und auch die Gelegenheit zu einer kommunistischen Neuformierung eröffnet. So aber gab es nach dem Selbstmord des BdKJ nur eine einzige gesamtjugoslawische Partei, die Reformallianz für Jugoslawien unter Führung des ehemaligen Ministerpräsidenten Ante Markovic, die eine bürgerliche Transformation auf Bundesebene anstrebte, sich bei den Wahlen zu den Republikparlamenten aber nicht durchzusetzen vermochte.

Dass die gegenrevolutionären Kräfte die Möglichkeit einer gesamtjugoslawischen Umwälzung nie ernsthaft in Erwägung gezogen haben, ist keinem tragischen Irrtum zuzuschreiben. Die Zerstörung des jugoslawischen Gesellschaftssystems entsprach der Logik des ökonomischen Egoismus. Und dieser Logik entsprach kein drittes Jugoslawien, sondern die Erzielung nationaler Vorteile in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz. Die reicheren Republiken glaubten sich in der Unabhängigkeit besser entfalten zu können und drängten in den westlichen Integrationsraum, was Slowenien bedingt, Kroatien überhaupt nicht gelungen ist. Eine konterrevolutionäre Massenmobilisierung war zudem nur auf nationalistischer Grundlage möglich. Außerdem: Hätte der Charakter der Gesellschaftsordnung in ganz Jugoslawien zur Disposition gestanden, hätte sich keine rechte Mehrheit ergeben. Die bosnischen Muslime hätten mehrheitlich sicher nicht für den islamischen Fundamentalismus votiert, wäre die Auseinandersetzung entlang sozialer und nicht ethnischer Frontstellungen verlaufen.

Noch vor dem Vollzug der slowenischen und kroatischen Sezession war Jugoslawien politisch bereits gespalten: In den Teil, der heute Restjugoslawien genannt wird, und in die Republiken, in denen bürgerliche Regime zur Macht gelangt waren. Die Tatsache, dass die politische und soziale Spaltung des Landes eine nationale Verlaufsform annahm, bedeutete den Untergang Jugoslawiens. Die Kräfte um Markovic, denen ein drittes, bürgerliches Jugoslawien vorschwebte, waren ebenso zu schwach, wie die linken Jugoslawisten um den Kroaten Stipe Suvar, der zwar heute behauptet, dass ein anderes als ein sozialistisches Jugoslawien keine Existenzberechtigung habe, sich damals aber mit dem ultraliberalen Markovic gegen den Serben Milosevic verbündet hatte.

Nationaler Aufruhr

Serbien unter Milosevic hatte bereits 1989 einen Ruf als Schurkenstaat erworben, als die serbische Polizei die Notenpresse der Volksbank besetzte und einen IWF-Kredit an den Haushalt Serbiens überwies, womit ausstehende Gehälter für Lehrer und Militärangehörige bezahlt wurden. Die westlichen Medien bewerteten dies als größten Bankraub der Geschichte. Milosevic, ein Ex-Banker, hatte damit klargestellt, dass für Serbien die Spielregeln des IWF – der Kredit war zur Finanzierung der Marktreformen gedacht gewesen – nicht gelten. Damit brüskierte er aber auch die jugoslawische Staatsmacht. Doch Jugoslawien war zu diesem Zeitpunkt kein souveräner Staat mehr, nicht nach innen, wo die Republiken ihre eigene Staatsmacht etabliert hatten und nicht nach außen. Die dem Land vom IWF abverlangten Reformen schocktherapeutischen Charakters hatten seine Gesellschaftsordnung zersetzt, das spezifisch jugoslawische Entwicklungsmodell war an seinem Ende angelangt. Die vom internationalen Finanzkapital angeordnete Schließung der jugoslawischen Zentralbank beraubte die zentralen Organe ihrer letzten ökonomischen Steuerungsmöglichkeiten und den Staat seiner wirtschaftlichen Existenz. Frei nach Brecht: Was ist ein Bankraub gegen die Privatisierung des Bankwesens? Milosevics rücksichtslose Machtpolitik – die von ihm initiierten Massenmeetings brachten auch die gewählten Machtorgane im Kosovo, in der Vojvodina und in Montenegro zu Fall – löste außerhalb Serbiens die höchste Alarmstufe aus. Sie hatte eine verheerende psychologische Wirkung, da sie das Schreckgespenst der serbischen Hegemonie belebte und somit Wasser auf die Mühlen der sezessionswilligen Eliten leitete. Der nationale Aufruhr in Serbien, der Millionenmassen mobilisierte, wurde zu einer Volksbewegung, wie es sie seit dem Partisanenkrieg nicht mehr gegeben hatte. Sie war eine serbische Volksbewegung projugoslawischer Orientierung, wenn auch stark von Elementen des serbischen Nationalismus durchsetzt. Ein serbozentrisches Jugoslawien versuchte sich Geltung zu verschaffen als Gegenbild zum titoistischen Pluralismus der Nationen, der in der Praxis immer neue nationale Widersprüche provozierte. Das pluralistische Konzept hatte die Entwicklung einer jugoslawischen Nation, das Absterben der Einzelnationalitäten behindert. Parallel zur Nationalitätenpolitik scheiterte die Konzeption der sozialistischen Selbstverwaltung. Emanzipatorisch in ihrem Ansatz verirrte sich die »assoziierte Arbeit« im Dickicht der Einzelinteressen. Das lag vor allem daran, dass das System der Arbeiterräte nur auf betrieblicher, nicht auf der Ebene der Gesamtgesellschaft – als dritte Parlamentskammer – zur Geltung kam. »Die Bürokratie will Euch spalten, Arbeiter aller Republiken vereinigt Euch«, lautete eine der zentralen Losungen auf Arbeiterdemonstrationen in Belgrad 1989. Das war die Antwort von unten auf die von oben dekretierte »Antibürokratische Revolution«. Die proletarische Reaktion auf die serbische Volksbewegung, die im todessehnsüchtigen Amselfeld-Mythos verfangen, den Fluch der Niederlage auf sich zog.

Serbien und Montenegro, die an der jugoslawischen Staatsidee festhielten, gerieten in die Isolation. Serbiens »antibürokratische Revolution« fand keine Nachahmer. Um eine Bewegung für Jugoslawien zu initiieren, hätte es eines anderen historischen Bezugspunktes bedurft als der verlorenen Schlacht auf dem Amselfeld. Bosnien und Mazedonien, deren nationale Existenz nur im jugoslawischen Gesamtzusammenhang einen Sinn ergab – weil das multinationale Bosnien ein jugoslawisches Gebilde ist und die mazedonische Nation im jugoslawischen Rahmen konstituiert wurde – waren nach der Sezession Sloweniens und Kroatiens aus Furcht vor der serbischen Hegemonie für ein gemeinsames Jugoslawien nicht mehr zu haben.

Achse Wien-Ljubljana

Die Sieger im Kalten Krieg zeigten sich anfangs verwirrt. Noch gab es keine erkennbare Strategie zur Beschleunigung der Balkanisierung des Balkans. Vor allem in Übersee schien man an einer »Demokratisierung« Gesamtjugoslawiens interessiert zu sein. Große Tragödien beginnen oft als Komödie. Die erste »Großmacht«, die sich massiv in jugoslawische Angelegenheiten einmischte, war Österreich, das offenbar Revanche für Sarajevo nehmen wollte. Zudem befanden sich die Republik Österreich und die SFRJ in einem Dauerclinch um die Rechte der Kärntner Slowenen und Burgenland-Kroaten, die sich einem rücksichtslosen Assimilierungsdruck ausgesetzt sahen. Aus Slowenophoben waren über Nacht Slowenophile geworden. Dass die Abspaltung Sloweniens so reibungslos über die Bühne ging, war der Achse Wien – Ljubljana zu verdanken. Noch hielten sich die Deutschen vornehm zurück. Slowenien war österreichisches Einflussgebiet. Als der Krieg auf Kroatien übergriff, schritt Deutschland mit der geballten Macht seiner Diplomatie ein. Der Balkan sollte das Terrain sein, auf dem die neue deutsche Großmachtpolitik ihre Bestätigung findet.

Anfangs musste Genscher noch aus dem Hintergrund agieren. Auf jugoslawischem Boden sichtbar präsent war die EG-Troika aus den Außenministern Italiens, Luxemburgs und der Niederlande, Leute mit unterdurchschnittlichen Jugoslawien-Kenntnissen. Erstmals wurden Wirtschaftssanktionen verhängt. Nicht gegen Slowenien, das seine Abspaltung nur mit Wien abgesprochen hatte, sondern gegen Jugoslawien, dessen Armee äußerst stümperhaft ihrem Verfassungsauftrag nachgekommen war. Im Abkommen von Brioni wurde den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens ein Moratorium von drei Monaten auferlegt.

Zumindest die Sezession Kroatiens war völkerrechtswidrig. Das Völkerrecht sieht als Voraussetzung für die Unabhängigkeit vor, dass der neue Staat über das von ihm beanspruchte Territorium die volle Kontrolle ausübt. Das jugoslawische Kroatien war laut seiner Verfassung eine kroatisch-serbische Republik. Im unabhängigen Kroatien wurden die Serben als zweites Staatsvolk mit einem Federstrich aus der Verfassung beseitigt. Daraufhin machten es die kroatischen Serben den Kroaten, die aus Jugoslawien ausgetreten waren, nach und traten aus Kroatien aus. Sie wollten nicht in einem Staat leben, in den die Ustascha- Verbrecher in Scharen zurückgekehrten und dessen Staatssymbol die verhasste Schachbrettfahne wurde.

Genschers Abenteurertum

Dennoch wurden Slowenien und Kroatien am 15. Januar 1992 von der EU anerkannt, eine Entscheidung, die von Deutschland unter Einsatz aller ökonomischen Mitteln erpresst worden war. Damit war die letzte Möglichkeit vertan, den Prozess der gewaltsamen Desintegration zu stoppen, die illegale Sezession rückgängig zu machen, um eine friedliche Trennung der Völker Jugoslawiens einzuleiten. Noch verheerender hat sich Genschers kriminelles Abenteurertum in Bosnien ausgewirkt. Die Anerkennung der muslimisch-serbischen-kroatischen Republik war eine direkte Aufforderung zum Krieg. Bosnien hätte nur im Konsens seiner Volksgruppen entstehen können. Es kann dafür keine Mehrheitsentscheidung in einem Parlament geben, dessen Parteien Volksgruppenvertretungen sind. So aber haben Muslime und Kroaten die Serben majorisiert. Dass sie die Staatsbürgerschaft eines Staates, den sie nicht wollten, verweigerten, entsprach ihrem Recht auf nationale Selbstbestimmung. Daytonien, ein Staat, den die US- Diplomatie nach einem jahrelangen Bürgerkrieg aus der Taufe hob, ist ein Staat der Weltgendarmerie, den alle Bosnier nicht wollen. Spätestens seit Bosnien regeln die USA die Balkanangelegenheiten. Deutschland, der Großmachtpolitik über 40 Jahre entwöhnt, erlitt das Schicksal eines Zauberlehrlings.

Zehn Jahre ist es her, als die Sezessionisten und ihre internationalen Förderer begannen, Jugoslawien in den Abgrund zu reißen. Sie haben ganze Arbeit geleistet. Sie haben zu schlechter Letzt auch den widerständigen Rest Jugoslawiens in das Zwangsregime der neuen Weltordnung gezwungen. Sie haben in Belgrad ein Kompradorenregime zur Macht gebracht, das lieber den gemeinsamen Staat der Serben und Montenegriner preisgibt, als dem Westen seinen sehnlichsten Wunsch abzuschlagen: die Auslieferung von Milosevic nach Den Haag. Geschichtsbewusst wie die Herren nun einmal sind, könnte dies um den 25. Juni herum geschehen, zehn Jahre, nachdem die Todesglocken für Jugoslawien läuteten.

Werner Pieker

Chronologie

04. Mai 1980 Jugoslawiens Staatspräsident Josip Broz Tito stirbt im Alter von 88 Jahren. Ein kollektives Staatspräsidium mit jährlich wechselndem Vorsitz (einmal Serben, dann Kroaten, dann Bosniaken etc.) übernimmt die Führung in Jugoslawien.

1981. In der serbischen Provinz Kosovo kommt es zu Unruhen. Albaner (zirka 80 % Bevölkerungsanteil) verlangen die Lösung von Serbien und den Status eines Staatsvolks. Dies wird von allen Teilrepubliken sowie der jugoslawischen Bundesregierung verweigert; Proteste werden blutig niedergeschlagen.

1986 Serbische Intellektuelle fordern im Sanu Memorandum ein Ende der so genannten „Diskriminierungen des serbischen Volkes“. Das Memorandum behauptet unter anderem einen „Genozid“ am serbischen Volk im Kosovo und eine Verschwörung Kroatiens und Sloweniens gegen Serbien. Eine Revision der jugoslawischen Verfassung wird gefordert.\r\nAndererseits wird routinemäßig der Albaner Sinan Hasani zum jugoslawischen Staatsoberhaupt gewählt.

April 1987 bereist Slobodan Milošević den Kosovo und horcht auf verschiedenen Veranstaltungen den Sorgen der Serben und Montenegriner. Die orthodoxe Bevölkerung berichtet von einem massiven wirtschaftlichen, politischen und psychischen Druck durch die Albaner. Nach einer Rede im Kulturhaus von Kosovo Polje (alban. Fushë Kosovë) wird die Stimmung endgültig angeheizt: Einer aufgebrachten serbischen Menschenmenge verweigert die mehrheitlich albanische Provinzpolizei den Zutritt zum Gebäude. Als Milošević vor das Gebäude tritt und die Menschen rufen „Sie schlagen uns!“, antwortet er: „Niemand soll es jemals wieder wagen, euch zu schlagen!“ („nitko nesme da vas bije“ – wörtlich: „niemand darf euch schlagen“. Die angebotene Übersetzung im Text ist aber deutlich besser, da sie sehr gut die tatsächliche Tragweite dieses „niemand“ in dieser besonderen Situation hervorhebt). In den kommenden Monaten knüpft Milošević engere Beziehungen zur orthodoxen Kirche und nutzt seine Kontakte zu den Medien zu einer zunehmend nationalistischeren Kampagne.\r\nSlobodan Milošević wird Vorsitzender der serbischen Kommunistischen Partei.

1988 Slobodan Milošević wird Präsident Serbiens.\r\nIm Oktober 1988 werden die Regierungen der Vojvodina und Montenegros durch Gefolgsleute Miloševićs ersetzt.

Februar 1989 stimmt das Parlament der SR Serbien einer Verfassungsänderung zu. Damit wird die Autonomie der Sozialistischen Autonomen Provinz Kosovo und der Sozialistischen Autonomen Provinz Vojvodina faktisch aufgehoben. Darauf flammen im Kosovo Unruhen auf, der Ausnahmezustand wird verhängt. In der Folgezeit werden die Albaner aus nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens von Serben verdrängt. Die Verfassungsänderung markiert den Anfang vom Ende des Jugoslawiens Titos.\r\nAm „Vidovdan“ (St.-Veits-Tag) findet eine von hundertausenden Serben besuchte nationalistische Kundgebung in Gazimestan auf dem Amselfeld statt. Slobodan Milošević verlangt auf dieser Veranstaltung mehr Rechte und Einfluss für die Serben im jugoslawischen Staatsverband.\r\n:(Nachzulesen ist die Amselfeld-Rede in einer deutschen Fassung hier: http://www.friwe.at/jugoslawien/archiv/milosevic.rtf)\r\nViele Slowenen und Kroaten fühlen sich durch den serbischen Machtanspruch bedroht. Bei ihnen wächst der Wunsch, den jugoslawischen Staat zu verlassen. Slowenien diskutiert die „asymmetrische Föderation“ (nicht jede Republik soll auf gleicher Art in die jugoslawische Föderation eingebunden sein) und schafft als erste Teilrepublik das Parteimonopol ab und setzt freie Wahlen an.\r\nDie Hyperinflation verschärft 1989 die wirtschaftlichen Probleme. Der Staatsbankrott kann nur durch eine Intervention des Internationalen Währungsfonds abgewendet werden. Im Dezember 1989 wird der Dinar, der mittlerweile als wertloses Papiergeld in dicken Bündeln kursiert (am 19. Dezember 1989 bekam man für 1 DM (umgerechnet 0,51 €) immerhin 70.000 Dinar), im festen Verhältnis 7:1 an die Deutsche Mark gekoppelt, und es werden vier Nullen gestrichen.

1990 Die wirtschaftliche Talfahrt geht weiter. Die Inflation kann auf einen noch knapp zweistelligen Wert gedrückt werden. Aber der feste, realitätsfremde Wechselkurs zur Deutschen Mark erschüttert die bisher weitgehend stabile Wirtschaft in der SR Slowenien und der SR Kroatien, die bisher sehr exportorientiert waren und erhebliche Deviseneinnahmen aus dem Tourismus erzielen konnte.\r\nDie Republiken Slowenien und Kroatien beginnen 1990, zunächst nicht mehr die vollen Steuern und Zölle an die Bundeskasse abzuführen und stellen ihre Zahlungen, auch die in den Republikenausgleichsfonds, dann ganz ein. Die Sparer, die seit jeher ihre Ersparnisse überwiegend in Devisen angelegt haben, verlieren ab Mitte 1990 immer mehr das Vertrauen in das marode System. Immer mehr Sparer ziehen ihre Deviseneinlagen von den Banken ab. Im Oktober 1990 wird die Situation kritisch, innerhalb weniger Tage fließen umgerechnet über 3 Milliarden Dollar ab. Als damit die Devisenreserven des Bundesstaates immer schneller dahinschmelzen und der Staatsbankrott nun nicht mehr abwendbar scheint, bleibt der Regierung Marković nichts anderes übrig, als sämtliche Devisenkonten zu sperren. Damit werden sämtliche Sparer, die sich ihre Einlagen noch nicht haben auszahlen lassen, faktisch enteignet.\r\nIn Slowenien wird der Reformkommunist Milan Kučan zum Staatspräsidenten gewählt.\r\nIn Kroatien geht die HDZ unter Vorsitz von Franjo Tudjman als Sieger aus den Wahlen hervor.\r\nSlowenien und Kroatien legen einen Verfassungsentwurf für eine Umwandlung der jugoslawischen Föderation in die losere Form einer Konföderation vor.\r\nDas kroatische Parlament führt in Kroatien Kroatisch als Amtssprache ein und schränkt den administrativen Gebrauch der kyrillischen Schrift ein. In einer geplanten Verfassungsrevision wird das serbische Staatsvolk zur Minderheit herabgestuft. Diese „Kroatisierungsmaßnahmen“ führen zu Unruhen in den Gebieten der sog. Krajina, in denen eine große serbische Minderheit lebt. Ein Großteil dieser Serben spricht sich für ihre Unabhängigkeit aus. Es kommt zu gewalttätigen Aufständen und Blockaden gegen Kroatien.\r\nIn Bosnien-Herzegowina wird Alija Izetbegović Staatspräsident. Slowenien und Kroatien kündigen für Juni 1991 ihre Unabhängigkeit an, falls es bis dahin nicht zu einer politischen Neuordnung Jugoslawiens kommt. In Slowenien stimmen am 23. Dezember bei einer Volksabstimmung 88,5 % für die staatliche Souveränität Sloweniens und ein endgültiges Ausscheiden, falls die politische Neuordnung nicht erfolgt.

Anfang 1991 proklamieren Kosovo-Albaner die unabhängige „Republik Kosova“, die aber weder von Serbien noch international (mit Ausnahme von Albanien) anerkannt wird. Am 28. Februar wird in Knin (Kroatien) die „Serbische Autonome Provinz Krajina“ ausgerufen. Kroatische Familien werden vertrieben. Ab März 1991 kommt es in Kroatien zu Zusammenstößen zwischen der kroatischen Polizei, der kroatischen Nationalgarde und autonomen Freischärlerverbänden auf der einen und Milizen der in Kroatien lebenden Serben, serbischen Freiwilligen und Tschetniks aus Bosnien und Serbien sowie der Jugoslawischen Volksarmee, welche die Aufstellung einer republikseigenen kroatischen Armee zu verhindern sucht, auf der anderen Seite.\r\nIn Serbien stößt die harte nationalistische Linie von Slobodan Milošević noch auf entschiedenen Widerstand der Opposition und großer Teile der Bevölkerung. So kommt es im März in Belgrad zu ernsten Unruhen und Straßenkämpfen. Am 1. April versucht die Bundesarmee noch, die kämpfenden Parteien in Kroatien zu trennen; später ergreift sie offen Partei für die serbischen Extremisten.\r\nAm 15. Mai scheitert die turnusgemäße Wahl des Kroaten Stipe Mesic zum Vorsitzenden des jugoslawischen Staatenbundes an Serbien.\r\nAm 19. Mai entscheidet sich bei einem Referendum in Kroatien die kroatische Bevölkerung mit 93 % der Stimmen für die Trennung vom jugoslawischen Bund. Die serbische Minderheit boykottiert die Abstimmung.\r\nIn einem Fait accompli proklamieren Slowenien und Kroatien am 25. Juni 1991 ihre Unabhängigkeit. Slowenien übernimmt noch am selben Tag die Gewalt über seine Grenztruppen (wo aber die Überwachung der Grenzübergänge außer der so genannten „Grünen Grenze“ schon laut jugoslawischer Verfassung zur Kompetenz der jeweiligen Republiken gehörte). Am 26. Juni 1991 greift die Jugoslawische Volksarmee in Slowenien ein, um die Unabhängigkeit zu verhindern. Von Belgrad aus starten MiG-29-Jagdflugzeuge und beschießen den Ljubljaner Flughafen. Nach zehn Tagen wird unter Vermittlung der EG ein Waffenstillstand geschlossen. Die Bundesregierung in Belgrad erkennt, dass die Unabhängigkeit nicht mehr aufzuhalten ist. Da in Slowenien keine bedeutende serbische Minderheit lebt, die militärisch aktiv werden könnte, zieht der letzte JNA-Soldat im Oktober 1991 aus Slowenien ab. So verschiebt sich der Krieg nach Kroatien.\r\nBesetzung des Nationalparks Plitvicer Seen durch die Jugoslawische Volkarmee. Dort stirbt das erste Opfer des Krieges. Die Plitvitzer Seen gehören heute zum UNESCO-Weltnaturerbe. Weite Teile dieses einzigartigen Naturparkes werden von den serbischen Soldaten vermint und verunreinigt. In den folgenden Monaten kommt es zu schweren Konfrontationen zwischen der JNA und kroatischen Verbänden, hauptsächlich in der Lika, Kordun, Banija, Norddalmatien und in Ostslawonien (Osijek, Vukovar). 5. Juli: Die EG verhängt ein Waffenembargo gegen Jugoslawien.\r\nMitte Juli eskalieren die Zwischenfälle in Kroatien zum offenen Krieg. Er wird vor allem um das mehrheitlich von Serben bewohnte Gebiet der Lika, Banija, Kordun und Norddalmatien geführt. Aber auch größere kroatische Städte sowie Slawonien und West-Dalmatien, wo Serben eine Minderheit darstellen, sind betroffen. Ziel Serbiens ist, die Kontrolle über ein zusammenhängendes Territorium zu bekommen, um so den Anschluss der serbisch besiedelten Gebiete an die später gegründete Bundesrepublik Jugoslawien („Rest-Jugoslawien“) zu vollziehen. Die JNA beteiligt sich zunächst nicht direkt an den Kämpfen, unterstützt aber serbische Freischärlerverbände. Als sich Kroatien zur Blockade der Kasernen der JNA auf ihrem Territorium entschließt, tritt die Armee offen als kriegführende Partei in Erscheinung. Sie beteiligt sich an dem Beschuss kroatischer Städte wie Vukovar und Dubrovnik und blockiert kroatische Adriahäfen. 25. Juli: Der serbischstämmige Bevölkerungsteil Kroatiens erklärt aufgrund der sich abzeichnenden Verfassungsänderung die „Souveränität des serbischen Volkes in Kroatien“ und gründet einen Nationalrat.\r\nDie deutsche Bundesregierung erwägt\r\nDie völkerrechtliche Anerkennung von Kroatien und Slowenien, wird bisher von der EG abgelehnt. Am 26. Juli wird die kroatische Verfassung geändert, die keine speziellen Gruppenrechte für die serbische Minderheit vorsieht. 23. August: Die kroatische Stadt Vukovar wird von serbischen Streitkräften angegriffen.\r\n24. August: Gewaltsame Unruhen greifen erstmals auf Bosnien-Herzegowina über. Die bosniakischen Truppen mit dem Kommandanten Naser Oric verüben bis 1992 Verbrechen in und um Sarajevo, bei denen mehrere serbische Dörfer zerstört werden und serbische Zivilisten getötet werden. 30./31. August: Mehrere zehntausend Mütter demonstrieren in Belgrad für die Entlassung ihrer Söhne aus dem Militär.\r\nIm September 1991 haben serbische Milizen ein Drittel von Kroatien erobert. Wichtige Verbindungen nach Dalmatien sind unterbrochen. 25. September: Der UN-Sicherheitsrat verhängt ein Waffenembargo gegen Jugoslawien.\r\n26. September: Aus Kräften der kroatischen Polizei und der Nationalgarde wird die kroatische Armee (HV) gebildet. 1. Oktober: Die Altstadt von Dubrovnik wird angegriffen und teilweise zerstört (Belagerung und Beschuss von Dubrovnik 1991). Sie zählt zum UNESCO-Weltkulturerbe und wurde ohne Rücksicht auf Verluste von serbischer Seite aus beschossen.\r\n15. Oktober: Das Parlament Bosnien-Herzegowinas verabschiedet gegen die Stimmen der serbischen Vertreter ein Memorandum zur Unabhängigkeit. 24. Oktober: Die serbische Regierung erklärt, sie wolle ein Jugoslawien unter Einschluss der serbischen Gebiete in Kroatien und Bosnien-Herzegowina schaffen. Bosnische Serben gründen ein eigenes „Parlament“. 12. November: In Sarajevo demonstrieren 100.000 Menschen für ein friedliches Zusammenleben aller drei Volksgruppen in Bosnien-Herzegowina. 18. November: Nach 87 Tagen Belagerung (Schlacht um Vukovar) fällt die völlig zerstörte kroatische Stadt Vukovar in serbische Hand. Es werden Kriegsverbrechen wie z. B. das Massaker von Vukovar an Kroaten begangen .\r\nEs tritt eine weitgehende militärische Waffenruhe ein, allerdings nicht als Ergebnis des Waffenembargos und der Wirtschaftssanktionen. Vielmehr haben die serbischen Verbände fast überall rein kroatische Gebiete erreicht, wo sie nicht mehr mit lokaler Unterstützung rechnen können. Außerdem hat die kroatische Armee ihre Verteidigungslinien konsolidiert. Schließlich befindet sich die JNA in einer Umbruchphase von einer jugoslawischen zu einer rein serbisch dominierten Armee, nachdem das Personal der anderen Republiken aus der Bundesarmee zurückberufen oder entlassen wurde. Die JNA muss verstärkt serbische Reservisten mobilisieren. 19. November: Mazedonien erklärt seine Unabhängigkeit.\r\nEnde November: Im Kosovo stimmen bei einer geheimen Abstimmung mehr als 90 % der teilnehmenden Albaner für ihre Unabhängigkeit. 3./5. Dezember: Bundeskanzler Kohl verspricht Slowenien und Kroatien die Anerkennung noch im Jahr 1991. Sie erfolgt am 23. Dezember, ohne dass manche von der EG verlangten Bedingungen (z. B. ausreichender Minderheitenschutz in Kroatien) erfüllt sind. 22. Dezember: Kroatien verabschiedet eine neue Verfassung als einheitlicher und souveräner Staat, die Krajina-Serben erklären sich für autonom und rufen ihrerseits die sogenannte Republik Serbische Krajina aus. Ziel ist die Vereinigung mit den bosnischen Serben und Serbien zu einem gemeinsamen serbischen Staat.\r\n23. Dezember: Bosnien-Herzegowina beantragt bei der EG seine Anerkennung.

Massengrab in Sarajevo- UN- Truppen versuchen Leichen zu identifizieren.

1992 Checkpoint vor Sarajevo. 2. Januar: Der UN-Sonderbeauftragte Cyrus Vance vereinbart mit der Führung in Belgrad und Zagreb einen Friedensplan, der die Stationierung von UN-Truppen (United Nations Protection Forces, UNPROFOR) ermöglicht. 9. Januar: Bosnische Serben proklamieren in ihrem selbsternannten Parlament die „Serbische Republik in Bosnien-Herzegowina“ 15. Januar: Anerkennung Kroatiens und Sloweniens durch die EG 3. März: Verkündung der Unabhängigkeit von Bosnien-Herzegowina, Beginn der militärischen Auseinandersetzungen zwischen bosnischen Serben auf der einen und bosnischen Kroaten und Bosniaken auf der anderen Seite. 5. April: Beginn der Belagerung Sarajevos mit der Einnahme des Flughafens durch die Jugoslawische Volksarmee.\r\n6. April: Die EG beschließt die Anerkennung Bosnien-Herzegowinas. Daraufhin brechen in ganz Bosnien schwere Kämpfe aus. 27. April: Serbien schließt sich mit Montenegro zur „Bundesrepublik Jugoslawien“ zusammen.\r\n2. Mai: Vollständige Belagerung Sarajevos für 1.425 Tage. 5. Mai: Das Staatspräsidium der Bundesrepublik Jugoslawien gibt den Oberbefehl über die Jugoslawischen Streitkräfte in Bosnien-Herzegowina ab. Militärische Infrastruktur, die der bosnischen Territorialverteidigung oder kroatischen Verbänden in die Hände fallen könnte, wird vernichtet. Den bosnischen Serben wird dagegen militärisches Großgerät überlassen. 30. Mai: Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Serbien und Montenegro.\r\nMitte des Jahres werden ausländische Mudschaheddin nach Bosnien eingeschleust, um auf Seiten der muslimischen Streitkräfte zu kämpfen. In der Folge begehen die sich selber als Gotteskrieger bezeichnenden Freiwilligen schwere Gräueltaten an Serben und Kroaten. 3. Juli: Proklamation der Kroatischen Gemeinschaft Herceg-Bosna durch die „Kroatische Demokratische Gemeinschaft“ (HDZ) unter Führung von Mate Boban. Zur Hauptstadt wird Mostar erklärt. 2. August: Der Reporter Roy Gutman berichtet in der amerikanischen Zeitung „Newsday“ erstmals über Massenmorde in von bosnischen Serben betriebenen Internierungslagern, insbesondere Omarska. Der Sprecher des internationalen Komitees vom Roten Kreuz lässt verlauten, dass alle drei Konfliktparteien in Bosnien-Herzegowina Internierungslager eingerichtet hätten. Die Größenangaben divergieren stark.\r\n25. August: In der Nacht wird die Universität von Bosnien-Herzegowina in Sarajevo in Trümmer geschossen. Serbische Artilleristen aus den umliegenden Hügeln beschießen absichtlich das historische Gebäude mit Granaten, und die Bibliothek geht in Flammen auf. Ihr gesamter Bestand – eineinhalb bis zwei Millionen Bücher – verbrennt. Die Asche geht stundenlang auf die Stadt nieder. Die Bibliothek galt als eine der bestausgestattetsten Südeuropas. 26./27. August: Jugoslawien-Konferenz in London unter Vorsitz von EG und UNO. Alle Kriegsparteien einigen sich auf 13 Grundsätze zur Konfliktlösung, u. a. Beendigung der Kämpfe, Einhaltung von Menschen- und Minderheitenrechten, Auflösung der Internierungslager, Respektierung der territorialen Integrität aller Staaten der Region. Nachfolgeprobleme der neuen Staaten Ex-Jugoslawiens sollen durch Konsens oder in einem Schiedsverfahren geregelt werden. Ein Lenkungsausschuss unter Vorsitz der beiden Sonderbeauftragten Vance und Owen soll den Verhandlungsprozess zwischen den Kriegsparteien institutionalisieren. 9. Oktober: Der UN-Sicherheitsrat verhängt ein Verbot für militärische Flüge über Bosnien-Herzegowina.

1993 Zerstörte Häuser in der Nähe des Sarajevoer Flughafens. 2. bis 5. Januar: Die beiden Vorsitzenden der Genfer Jugoslawienkonferenz, Owen und Vance, legen einen „Verfassungsrahmen für Bosnien und Herzegowina“ (Vance-Owen-Plan) mit beigefügter Landkarte vor.\r\nEnde Januar, kurz vor Ablauf des UN-Mandats, beginnen die Kämpfe in Kroatien von Neuem. Kroatien startete eine Offensive in die serbisch besetzten Gebiete Kroatiens mit dem Ziel, das strategisch wichtige Hinterland von Zadar zurückzuerobern. Anfang Februar weiten sich die Kämpfe auch auf das Hinterland von Split aus. 25. März: Der bosnische Präsident Izetbegović unterschreibt den Vance-Owen-Plan. Damit lehnt nur noch der Serbenführer Karadžić den Gesamtplan ab.\r\n1. April: Der UN-Sicherheitsrat beschließt die militärische Durchsetzung des Flugverbots über Bosnien-Herzegowina. Dazu wird der NATO eine führende Rolle zugewiesen.\r\nApril: Kroatische Streitkräfte unter Tihomir Blaškić greifen zahlreiche bosniakische Gemeinden im zentralbosnischen La Lasva-Tal an und vertreiben und ermorden große Teile der Zivilbevölkerung.\r\n6. Mai: Der UN-Sicherheitsrat erklärt Sarajevo und fünf weitere belagerte Städte zu UN-Schutzzonen. Das “Parlament” der bosnischen Serben lehnt den Vance-Owen-Plan ab. Anfang Juni: Der Leiter des UNPROFOR-Zivilsektors befürchtet eine Ausweitung des Krieges auf Kosovo und Mazedonien. Die Lage in Bosnien-Herzegowina beschreibt er als chaotisch: “Die Bündnisse zwischen den kriegführenden Seiten wechseln von Woche zu Woche.”

Menschen werden aus Dörfern vertrieben. 16. Juni: Die Präsidenten Serbiens und Kroatiens, Milošević und Tudjman, einigen sich unter Vermittlung von Owen und Stoltenberg, dem Nachfolger von Vance als UNO-Sonderbeauftragter, über die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas: In einer losen Konföderation sollen drei auf ethnischen Gesichtspunkten beruhende Staaten miteinander verbunden sein. Nach einer Erklärung Tudjmans soll der bosniakische Staat aus zwei Teilen bestehen, einem im Zentrum des Landes und einem in der Region Bihać. Die kroatische Seite sei bereit, den Bosniaken Zugang zum Adria-Hafen Ploce zu gewähren. 23. Juli: Der UN-Sicherheitsrat verurteilt die Offensive der bosnischen Serben zur Isolierung Sarajevos.\r\nDie Machthaber der bosnischen Serben lassen ethnisch gemischte Ehen gesetzlich verbieten. Auch Bosniens Präsident Alija Izetbegovic spricht sich gegen ethnisch gemischte Ehen aus. 17. August: Owen und Stoltenberg legen einen Teilungsplan für Bosnien-Herzegowina vor. Herbst 1993: Heftige Kämpfe zwischen Truppen des „Kroatischen Verteidigungsrats“ HVO und bosniakischen Einheiten in Zentralbosnien. Es kommt zu Massakern an der Zivilbevölkerung. Angriffe von bosnischen Serben in Nordbosnien und in den ostbosnischen Enklaven. 9. November: Kroatische Geschütze zerstören die Altstadt von Mostar, darunter die weltberühmte Brücke der Osmanen Stari Most. Sie sollte gerade zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt werden. (2002 wurde die Brücke, unter anderen von kroatischen Geldern finanziert, wiedererbaut.)

1994 28. Februar: Erste Kampfeinsätze der NATO: US-amerikanische Kampfflugzeuge schießen bei Banja Luka vier serbische Kampfflugzeuge ab. Belagerung der Stadt Goražde. UN-Soldaten werden als Geiseln genommen. März: Kroaten und Bosniaken beenden ihren Konflikt in der Herzegowina und vereinbaren unter US-Vermittlung eine Föderation.\r\nIm März wird auch ein erneuter Waffenstillstand zwischen den Krajina-Serben und Kroatien vereinbart, der sich aber wieder als brüchig erweist. 10./11. April: amerikanische Flugzeuge bombardieren serbische Stellungen bei Goražde. 22. April: Der NATO-Rat erklärt Goražde zur militärischen Ausschluss-Zone, aus der alle schweren Waffen der bosnischen Serben abzuziehen seien. Auch Bihać, Srebrenica, Tuzla und Žepa sollen zu solchen Ausschluss-Zonen erklärt werden, falls sie mit schweren Waffen angegriffen werden. In den folgenden Tagen ziehen sich die bosnischen Serben aus der 3-km-Zone um Goražde zurück. 26. April: Die internationale Kontaktgruppe für Bosnien-Herzegowina, der Vertreter der UN, der EU, der USA, Russlands, Großbritanniens, Frankreichs und Deutschlands angehören, kommt in London zu ihrer ersten Sitzung zusammen. 27. April: Der UN-Sicherheitsrat beschließt, die UNPROFOR um fast 7.000 Soldaten zu verstärken. 11. Mai: Vertreter der bosnischen Kroaten und Bosniaken einigen sich in der US-Botschaft in Wien über die politische Führung und die Grenzen einer künftigen Konföderation: Der Bundesstaat soll 58 % des Territoriums Bosnien-Herzegowinas umfassen und aus acht Kantonen bestehen. Von diesen sollen vier von den Bosniaken, zwei von den Kroaten und zwei gemischt verwaltet werden. Die Region um Sarajevo soll mindestens zwei Jahre lang von den UN kontrolliert werden. Repräsentanten der bosnischen Serben, die ca. 70 % des Territoriums besetzt halten, weisen diese Aufteilung zurück. 12. Mai: der US-Senat fordert Präsident Clinton auf, das Waffenembargo gegen Bosnien-Herzegowina einseitig aufzuheben. Diese Forderung wird am 8. Juni auch vom Repräsentantenhaus gestellt. 15. Mai: Ein aus Kroaten und Bosniaken bestehendes gemeinsames Oberkommando wird eingesetzt. 30. und 31. Mai: In Sarajevo findet die konstituierende Sitzung des bosniakisch-kroatischen Parlaments statt. Der Kroate Zubak wird zum Präsidenten der Föderation Bosnien-Herzegowina gewählt. 8. Juni: Unter Vermittlung der UN einigen sich die Führung der bosnischen Serben und der bosniakisch-kroatischen Föderation darauf, einen Monat lang „keine offensiven Operationen“ zu unternehmen. Trotzdem kommt es zu heftigen Kämpfen in Zentralbosnien und Sarajevo. 23. Juni: Der bosnische Ministerpräsident Silaidzić stellt eine „gemeinsame Regierung“ vor, der zehn Bosniaken, sechs Kroaten und ein Serbe angehören. 5. Juli: Die internationale Kontaktgruppe legt gemeinsam mit Griechenland und Belgien einen neuen Teilungsplan für Bosnien-Herzegowina vor: 49 % des Territoriums werden den bosnischen Serben, 51 % der bosniakisch-kroatischen Föderation zugeteilt. Das selbsternannte Parlament der bosnischen Kroaten und das bosnische Parlament stimmen zu, das selbsternannte „Parlament“ der bosnischen Serben lehnt den Plan ab (trotz der Drohung der serbischen Regierung, im Falle der Ablehnung alle Beziehungen mit den bosnischen Serben abzubrechen).\r\n23. Juli: Der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick tritt sein Amt als EU-Administrator von Mostar an. Die WEU stellt eine 200 Mann starke Polizeitruppe. 4. August: Die Regierung der Bundesrepublik Jugoslawien gibt den Abbruch der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den bosnischen Serben sowie die Schließung der gemeinsamen Grenze bekannt. 5. August: Einheiten der bosnischen Serben überfallen ein UN-Lager bei Sarajevo und entwenden schwere Waffen. Nachdem daraufhin NATO-Flugzeuge serbische Stellungen angreifen, geben die bosnischen Serben die Waffen zurück. 10. August: Die UN drohen erstmals auch den bosnischen Regierungstruppen mit Luftangriffen, falls sie ihre schweren Waffen nicht aus der 20-km-Zone um Sarajevo abzögen und ihre Vorstöße bei Bihać nicht einstellten. 20. August: Bosnische Regierungstruppen nehmen die zuvor von bosniakischen Separatisten kontrollierte Hochburg Velika Kladuša ein. 27. und 28. August: In den von den bosnischen Serben kontrollierten Gebieten wird ein Referendum über den Friedensplan abgehalten, bei dem angeblich 96 % der Wähler den Plan ablehnen. 8. September: Der serbische Präsident Milošević stimmt der Überwachung der Grenze zwischen Serbien und Bosnien-Herzegowina durch eine „internationale humanitäre Mission“ zu. Die Kontaktgruppe entsendet dazu am 17. September 135 zivile Beobachter in das Grenzgebiet. 11. September: EU-Administrator Koschnick entgeht knapp einem Anschlag. 16. September: Der Führer der bosnischen Serben, Karadžić, kündigt Sanktionen gegen die bosniakische Bevölkerung an, falls die von Jugoslawien verhängte Blockade gegen die bosnischen Serben andauern sollte. 22. September: NATO-Kampfflugzeuge zerstören nach einem serbischen Angriff auf ein UN-Fahrzeug einen leeren serbischen Panzer in der Sperrzone in Sarajevo. 24. September: Der UN-Sicherheitsrat beschließt in der Resolution 943, die Sanktionen gegen Jugoslawien zu lockern, falls die Einhaltung des jugoslawischen Embargos gegen die bosnischen Serben bestätigt werden kann. Aufrecht erhalten bleibt das Handelsembargo. 12. November: Die USA ziehen sich aus der Überwachung des UN-Waffenembargos zurück. 21. November: NATO-Kampfflugzeuge fliegen einen Angriff auf die Landebahn des Flughafens Udbina in der „serbischen Krajina“, von dem aus Serben Luftangriffe gegen Bihać gestartet hatten. 23. November: Kampfflugzeuge der NATO bombardieren Raketenstellungen der bosnischen Serben im Raum Bihać, nachdem zuvor ein britisches Flugzeug beschossen war. Als Reaktion blockieren serbische Verbände 350 UN-Soldaten bei Sarajevo und nehmen weitere 55 Blauhelme für mehrere Tage als Geiseln. 2. Dezember: Die kroatische Regierung und die Führung der Krajina-Serben einigen sich mit Hilfe der Vermittler Owen und Stoltenberg auf ein Abkommen, nach dem die Ölpipeline sowie mehrere Straßen und Bahnstrecken, die durch die Krajina verlaufen, wieder in Betrieb genommen werden. 17. Dezember: Verbände der von Fikret Abdić geleiteten „aufständischen“ Bosniaken erobern Velika Kladuša zurück. 20. Dezember: Der ehemalige US-Präsident Carter vermittelt eine siebentägige Waffenruhe zwischen der bosnischen Regierung und der Führung der bosnischen Serben, die am 24. Dezember beginnen soll. Die Krajina-Serben und der bosniakische „Rebellenführer“ Abdić beteiligen sich nicht an dem Abkommen, weshalb die Kämpfe um Bihać anhalten. 31. Dezember: Die bosnische Regierung und die Führung der bosnischen Serben schließen eine „Vereinbarung über die völlige Einstellung von Feindseligkeiten“. Trotzdem kommt es weiterhin zu schweren Kämpfen.

1995 2. Januar: Auch die Führung der bosnischen Kroaten und Abdić unterzeichnen das Waffenstillstandsabkommen. Es kommt trotzdem weiterhin zu schweren Kämpfen. 11. Januar: Unter Vermittlung der UNPROFOR wird eine weitere Vereinbarung über die Umsetzung des Waffenstillstands getroffen. Die heftigen Gefechte gehen ungeachtet dessen weiter. 12. Januar: Der kroatische Präsident Tudjman kündigt die Beendigung des UN-Mandats zum 31. März 1995 an. 23. Januar: Die Führung der bosnischen Serben verpflichtet sich, die Versorgungswege nach Sarajevo freizugeben. 25. Januar: Die Kontaktgruppe bricht ihre Vermittlungsbemühungen ab. 5. Februar: Vertreter der bosniakisch-kroatischen Föderation einigen sich auf einen Neun-Punkte-Plan zur Stabilisierung der Föderation. Ein internationaler Vermittler soll Differenzen zwischen den beiden Volksgruppen schlichten. 9. Februar: Die Führung der Krajina-Serben teilt die Gefechtsbereitschaft und den Abbruch des Dialogs mit der kroatischen Regierung mit.\r\nIn Mazedonien kommt es Mitte Februar zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der albanischen Minderheit und makedonischen Sicherheitskräften. 21. Februar: Russland erkennt Bosnien-Herzegowina an. 1. März: Die Verteidigungsminister Russlands und Jugoslawiens vereinbaren ein Abkommen über die bilaterale Zusammenarbeit. 6. März: Die Oberkommandierenden der Streitkräfte Bosnien-Herzegowinas und Kroatiens schließen ein Militärbündnis, das einen gemeinsamen Kommandostab vorsieht. 12. März: Die kroatische Regierung stimmt dem Verbleib eines um 10.000 auf 5.000 Soldaten verkleinerten UN-Kontingents zu unter der Voraussetzung, dessen künftige Hauptaufgabe bestünde in der strikten Kontrolle der Grenze zu Bosnien-Herzegowina und der BRJ. 31. März: Der UN-Sicherheitsrat beschließt eine neue Aufgabenbeschreibung der in Kroatien stationierten Blauhelme. Sie tragen zukünftig den Namen „UN Confidence Restoration Operation in Croatia“ (UNCRO). Mai: Die kroatische Armee startet die „Operation Bljesak“ (kroat. „Blitz“) gegen die serbisch kontrollierten Gebiete in Westslawonien und erobert diese zurück. Serbische Einheiten beschießen daraufhin die kroatische Hauptstadt Zagreb mit Raketen, können die kroatische Offensive aber nicht aufhalten. Die serbische Bevölkerung flieht. (Siehe auch: Republik Serbische Krajina). Die zuvor von serbischen Freischärlern und der JNA vertriebene kroatische Bevölkerung kehrt zurück. 22. Mai: Einheiten der bosnischen Serben transportieren schwere Waffen aus einem Waffendepot der UNO ab. Das UNO-Kommando fordert die sofortige Zurückgabe. Die gesetzte Frist wird von den Serben ignoriert. 25. Mai: Die NATO bombardiert ein Munitionsdepot der bosnischen Serben in Pale, nachdem ein Ultimatum zur Rückgabe von aus einem UN-Depot gestohlenen Waffen verstrichen war. Die Serben antworten mit Artilleriebeschuss von Sarajevo und Tuzla und bringen eine Anzahl von Blauhelmen in ihre Gewalt. Die bosnischen Serben betrachten die Blauhelme als Kriegsgefangene und verlangen für ihre Freilassung die Einstellung der Luftangriffe. Im Juni greifen kroatische Verbände von bosnischem Territorium aus Knin, die Hauptstadt der Krajina-Serben, an. 11. Juli: Eroberung der UN-Schutzzone Srebrenica durch serbische Truppen. Dabei kommt es zu dem Massaker von Srebrenica. August: Die USA legen dem UNO-Sicherheitsrat Fotomaterial eines US-Aufklärers vor. Die Bilder lassen auf Massenexekutionen und -gräber in der Region schließen. 4. August bis 7. August: Die kroatische Polizei und Armee beendet mit der Militäroperation Oluja (kroat. “Sturm”) den Krieg in Kroatien und stellt damit die territoriale Einheit Staates her. Dem kroatischen General, Ante Gotovina, wirft das ICTY schwere Kriegsverbrechen an serbischen Zivilisten vor. Unter anderem seien etwa 150 Serben getötet, 150.000 bis 200.000 vertrieben worden. Hierzu zählen auch die Mitglieder der schätzungsweise 40.000 Mann starken “Armee der Republik Serbische Krajina”. 21. November: Vertrag von Dayton. Friedensvertrag unter Vermittlung von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und den USA. Bosnien-Herzegowina werden dadurch zu einem föderativen Staat mit zwei Entitäten. Daneben sieht der Vertrag die Beendigung des serbisch-kroatischen Konflikts vor. Dem Abschlussdokument war unter starkem amerikanischem Vermittlungsdruck am 12. November ein Abkommen zwischen der Serbenführung in Ostslawonien und der kroatischen Regierung vorangegangen, das die Wiedereingliederung Ostslawoniens in das kroatische Staatsgebiet vorsah. Die Demilitarisierung des Gebietes und die Rückkehr der Flüchtlinge sollte für die Dauer eines Jahres von einer eigens aufgestellten „Implementation Force“ (IFOR) der NATO im Auftrag der UN geleistet werden. Der Vertrag wird am 14. Dezember in Paris von den drei Präsidenten Izetbegović, Milošević und Tudjman unterzeichnet.

Seit Dezember 1996 wird die IFOR durch die SFOR („Stabilization Force“) abgelöst. Sie übernimmt die Funktion einer internationalen Schutztruppe in Bosnien-Herzegowina mit dem Ziel der Stabilisierung des Landes.

Kriegsopfer

Obwohl zu den Zahlen der Kriegsopfer unterschiedliche Angaben existieren (so wird die Zahl der Opfer in Bosnien und Herzegowina mit 150.000 bis 250.000 angegeben) und diese mitunter auch interessengeleitet sind, lässt sich mit einiger Gewissheit schätzen, dass die Kämpfe beim Zerfall Jugoslawiens etwa 350.000 Menschen das Leben kosteten und mehr als 3,5 Millionen Menschen zur Flucht zwangen.

Folgende offizielle Zahlen der Republiken zu den Kriegsopfern sind bekannt:\r\nBosnien und Herzegowina: 242.330 Tote, 175.286 Verwundete, 36.470 Vermisste, ca. 40.000 vergewaltigte Frauen, von denen 10.000 minderjährig (Statistisches Amt der Föderation von Bosnien-Herzegowina)\r\nKroatien: 12.131 Tote, darunter 8.100 Zivilisten, 33.043 Verwundete, 2.251 Verschollene (kroatische Regierung aus dem Jahr 1995)\r\nSlowenien: bei den slowenischen Truppen 19 Tote und 182 Verletzte, bei der jugoslawischen Volksarmee 44 Tote und 146 Verletzte (Schätzungen)\r\nKosovo: 4.000 Leichen oder Leichenteile bis 2002 ausgegraben, etwa 800 albanische Tote wurden bislang in Serbien gefunden (da es bis heute keine genauen offiziellen Zahlen gibt, beruhen die Opferzahlen auf Flüchtlingsberichten und Massengrabfunden). Serbien: 2.800 vermisste und bisher 1.000 identifizierte getötete serbische Zivilisten in Bosnien-Herzegowina 1991–1992; 6780 getötete Serben in Kroatien, laut ICTY 150.00 bis 200.000 Vertriebene in der Krajina; 142 getötete serbische Polizei- und Armeeangehörige im Kosovo; die NATO-Operation 1999 führte zu etwa 5.000 Todesopfern in der Bundesrepublik Jugoslawien (NATO-Angaben); nach jugoslawischen Angaben kamen 462 Soldaten, 114 Polizisten und etwa 2.000 Zivilisten ums Leben (Angaben der Jugoslawischen Volksarmee).